Im Aufmarschgebiet

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Ein Jahr nach dem Beginn der Stationierung deutscher Truppen in Litauen hat die Bundeswehr dort den dritten Kontingentwechsel eingeleitet. Im Rahmen des NATO-Aufmarschs gegen Russland im Baltikum und in Polen wird nun das Jägerbataillon 292 aus Donaueschingen die Führung über die multinationale Battlegroup in Rukla übernehmen. Parallel baut die Bundeswehr auch ihre bilaterale Kooperation mit den litauischen Streitkräften aus, die ihrerseits zunehmend alte Waffenbestände aus US-Produktion durch Kriegsgerät aus Deutschland ersetzen; so kaufen sie für über 385 Millionen Euro Transportpanzer vom Typ Fuchs in der Bundesrepublik – die bislang teuerste Beschaffungsmaßnahme des Landes. Unter anderem deswegen hat der Umfang des litauischen Wehrhaushalts inzwischen mehr als das 2,5-Fache seines Volumens aus dem Jahr 2014 erreicht. Litauen ergänzt die Kooperation mit der Bundesrepublik um den Aufbau eines paramilitärischen Verbandes, dem die Streitkräfte Kampftechniken von Aufständischen in Afghanistan vermitteln.
Kontingentwechsel in Rukla

Ein Jahr nach dem Beginn der Stationierung deutscher Truppen in Litauen hat dort der inzwischen dritte Kontingentwechsel begonnen. In der vergangenen Woche haben Soldaten des Jägerbataillons 292 aus Donaueschingen erste Transportpanzer vom Typ Boxer und mehrere Materialcontainer auf Züge der Deutschen Bahn verladen, um sie auf den litauischen Stützpunkt Rukla zu transportieren. Zugleich sind die ersten Soldaten der Einheit dorthin aufgebrochen. Sie werden rund 450 Militärs vom Panzergrenadierbataillon 371 aus dem sächsischen Marienberg ablösen, die seit August vergangenen Jahres in Rukla eingesetzt sind. Dort führt die Bundeswehr eine multinational zusammengesetzte Battlegroup, die gemeinsam mit drei weiteren Battlegroups in Estland, Lettland und Polen die sogenannte enhanced Forward Presence (eFP) der NATO im Baltikum bilden – ein wichtiger Teil der offen gegen Russland gerichteten Maßnahmen des westlichen Kriegsbündnisses.[1] Dabei führt die Battlegroup insbesondere gemeinsame Kriegsübungen mit der litauischen “Iron Wolf”-Brigade durch, die ebenfalls in Rukla untergebracht ist. Ziel ist es nicht zuletzt, die europaweite Truppenvernetzung zu fördern, die Berlin im NATO- wie im EU-Rahmen forciert.[2]
Wehretat: fast verdreifacht

Parallel zur Kooperation im Rahmen der eFP haben die litauischen Streitkräfte begonnen, ihre Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und mit der deutschen Rüstungsindustrie zu intensivieren. Dazu dient eine gewaltige Aufstockung des litauischen Wehretats. Hatte dieser im Jahr 2014 noch bei 322 Millionen Euro gelegen, so ist er seitdem stark gestiegen und beläuft sich dieses Jahr auf 873 Millionen Euro. Vilnius nutzt die Mittel unter anderem, um seine Streitkräfte zu vergrößern. Von 2014 bis 2016 wuchsen sie um rund ein Viertel; in diesem Jahr soll eine Personalstärke von 19.740 Militärs erreicht werden. Möglich ist dies, weil Litauen die Wehrpflicht wieder eingeführt hat. Mittel sind auch in den Aufbau zweier nationaler Battlegroups geflossen, die binnen zwei bis 24 Stunden eingesetzt werden können, um auf sogenannte hybride Bedrohungen unterhalb des Eskalationsniveaus eines konventionellen Krieges zu reagieren. Darüber hinaus ist beispielsweise die Fläche der Truppenübungsplätze in Pabradė und Gariūnai mehr als verdoppelt worden. Auf ihnen führt auch die Bundeswehr Kriegsübungen durch.[3]
Deutsche Waffen

Zudem hat Vilnius begonnen, die litauischen Streitkräfte massiv aufzurüsten – und es greift dabei weitgehend auf deutsche Rüstungsgüter zurück. So hat es im August 2016 bei der Düsseldorfer Waffenschmiede Rheinmetall 88 Transportpanzer vom Typ Boxer bestellt. Mit einem Wert von 385,6 Millionen Euro handelt es sich um Litauens bislang größtes Rüstungsgeschäft. Die ersten zwei Transportpanzer sind im Dezember 2017 ausgeliefert worden – Trainingsfahrzeuge, mit denen litauische Militärs nun ausgebildet werden sollen. Darüber hinaus kauft Litauen 21 Panzerhaubitzen 2000 aus Beständen der Bundeswehr; sie ersetzen sukzessive – ganz wie die “Boxer” – Modelle aus US-Produktion. Die litauische Armee erhält von der Bundeswehr ergänzend 168 Gefechtsstandfahrzeuge M577 – US-Modelle, die allerdings bei Rheinmetall in Kassel hergestellt wurden -, und sie hat bei Daimler 340 Militär-Unimogs für einen Preis von 60 Millionen US-Dollar bestellt. Als Standardwaffe nutzt sie das deutsche Sturmgewehr G36. Dabei geht der Kauf deutscher Waffen ebenfalls mit dem Ausbau der Kooperation mit der Bundeswehr einher: Litauische Soldaten wurden von deutschen Militärs in der Bedienung der Panzerhaubitze 2000 wie auch des Boxer trainiert.
Aufstandstechniken aus Afghanistan

Parallel zur Stärkung der Kooperation mit der Bundeswehr und zur Aufrüstung mit deutschem Kriegsgerät baut Litauen – wie auch die anderen baltischen Länder und Polen – für etwaige künftige Waffengänge gegen Russland paramilitärische Verbände auf. Die Lithuanian Riflemen’s Union (Lietuvos šaulių sąjunga) ist inzwischen laut Berichten um beinahe 50 Prozent auf mehr als 10.000 Mitglieder gewachsen, von denen fast die Hälfte Minderjährige sind.[4] Der stark nationalistisch orientierte Verband führt Wehrsportlager durch und bildet seine Mitglieder militärisch aus; volljährige Mitglieder sind berechtigt, halbautomatische Waffen zu erwerben.[5] Die Riflemen’s Union führt regelmäßig gemeinsame Kampfübungen mit der litauischen Armee durch, in die sie im Kriegsfalle eingegliedert würde. Zu den verschiedenen Kampftechniken, die die Streitkräfte dem paramilitärischen Verband vermitteln, gehören laut Berichten Praktiken, die sie bei ihren Einsätzen im NATO-Rahmen in Afghanistan den dortigen Aufständischen abgeschaut haben.[6]
Militärisches Transitgebiet

Während Litauen sich – auch mit Hilfe der Bundeswehr – immer weiter militarisiert, werden die Bundesrepublik und Polen immer stärker zum militärischen Transitgebiet. Im vergangenen Januar wurde zunächst eine US-Brigade, die in sechs Ländern Ost- und Südosteuropas kontinuierlich Kriegsübungen durchführt, über die Bundesrepublik nach Polen verlegt [7], bevor dann die Bundeswehr Truppen und Gerät zum ersten Mal nach Rukla zu transportieren begann. Der zweite Bundeswehr-Transport erfolgte im Juli, der zweite US-Transport – die in Osteuropa aktive US-Brigade rotiert ebenfalls – im September.[8] Der dritten deutschen Truppenverlegung, die zur Zeit durchgeführt wird, wird im späteren Frühjahr und im Frühsommer der dritte US-amerikanische Kontingentwechsel folgen – kurz vor dem vierten deutschen Truppenaustausch (Juli 2018). Dazu heißt es bei der Bundeswehr, derart umfangreiche Militärtransporte habe man seit 20 Jahren nicht mehr durchgeführt; man müsse vieles wieder neu lernen.[9] Angesichts der Bewegungsintensität werden die deutschen Streitkräfte schon bald wieder fähig sein, Truppenverlegungen größeren Ausmaßes jederzeit in hohem Tempo abzuwickeln – zumindest in Richtung Osten.

[1] S. dazu Vormarsch nach Osten.

[2] S. dazu Unter deutschem Kommando und Der Start der Militärunion.

[3] Starker Partner: Litauen reformiert seine Streitkräfte. bmvg.de 29.01.2018.

[4] Elizabeth Zerofsky: Everyman’s War. harpers.org October 2017.

[5] Jonathan Brown: Baltic minutemen fight Russian foe. politico.eu 06.12.2016.

[6] Elizabeth Zerofsky: Everyman’s War. harpers.org October 2017.

[7] S. dazu Vom Frontstaat zur Transitzone.

[8] S. dazu Vom Frontstaat zur Transitzone (II).

[9] Alexander Fröhlich: US-Soldaten fahren durch Brandenburg. tagesspiegel.de 05.01.2018.

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